Irmel Kamp, Bruxelles, 1997, Silbergelatine-Print, Barytpapier, 60 x 50 cm, © Irmel Kamp, Courtesy Galerie Thomas Fischer

Irmel Kamp, Bruxelles (Basserie Wielemans-Ceuppens), 1997, Sibergelatinprint, Barythpapier, 60 x 50 cm, © Irmel Kamp, Courtesy Galerie Thomas Fischer

04.02.–19.04.2020

Irmel Kamp

Brüssel und Tel Aviv

Eröffnung: 02.02.2020, 17:00

Spricht man über Irmel Kamps Fotografien, bleibt ein Diskurs über Architektur nicht aus, denn nur wenige Fotografinnen und Fotografen haben die Architektur derart konsequent in den Fokus ihres Schaffens gerückt. Irmel Kamp gelang dies zeitgleich mit Gerd und Hilla Becher unter deren Studentinnen und Studenten sie seit Langem als Geheimtipp gehandelt wurde. Die Architektur sei wie erstarrte Musik, sagte Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling bereits zu Beginn des 19 Jahrhunderts und folgte damit der verbreiteten Meinung, dass Musik und Architektur etwas in sich bewahrten, was dem Wesen der europäischen Kultur - wie man sie damals sah - am nächsten kam. Es ging um die “zwingende Kraft ewiger Maße”, die Europa unter den verschiedensten Namen in die Welt getragen hatte. Christentum und später Rationalismus.

Mit Beginn der Moderne verschwanden diese über Jahrhunderte wirkmächtigen Geister und es war plötzlich der Mensch und seine Bedürfnisse, die zu den geheimen Quellen des neuen Bauens wurden. Die Protagonisten dieser Bewegung zogen Soziologie und Philosophie als geistige Resonanzräume ihres Bauens heran. Die Bauten wurden erschwinglicher und in gewisser Weise auch demokratischer. Architektinnen und Architekten wurden zu Künstlern und ihre Bauten haben mitunter denselben Status wie Kunstwerke.
Irmel Kamp, die vor allem in Ostbelgien für ihre Aufnahmen der typischen mit Zinkblech verkleidete Häuser bekannt wurde, hat einen sensiblen Blick, mit dem sie die Bezüge zwischen Gebautem und Bauendem, wie eine Spurensucherin erkennt und dokumentiert. Ihre Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen sowohl den Geist der Zeit, der durch ein Gebäude atmet, als auch den Zahn der Zeit, der an ihm nagt. Auch wenn nur in extremen Ausnahmefällen Menschen in ihrer Bildwelt auftauchen, geht es letztlich zum großen Teil um sie. Ihre Abwesenheit macht sie als Anwesende erst sichtbar. In dieser Dialektik entwickelt Kamp ihre persönlichen Geschichten, die selten die Geschichte der Ikonen der Architekturgeschichte erzählt. Ihr Interesse manifestiert sie an den Gebäuden, denen man ansieht, dass in ihnen gelebt wurde, die verändert, angepasst und umgebaut wurden. Ihre Gebäude sind beredte Zeugen von längst vergangenen Hoffnungen, Utopien und Wünschen, die jede Epoche in ihren Bauten zum Ausdruck bringt.

Das IKOB – Museum für Zeitgenössiche Kunst zeigt mit Brüssel und Tel Aviv die erste museale Retrospektive dieser Ausnahmekünstlerin. Ausgangspunkt sind zwei Werkserien, die Irmel Kamp seit Jahrzehnten beschäftigen.
Da ist zum einen Tel Aviv, die Stadt in Israel, die bekannt dafür ist, das besterhaltene Gefüge moderner Architektur in ihrer reinsten Form zu konservieren, als auch zum anderen Brüssel, dessen Modernismus geprägt ist von einer eigenwilligen Mischung von de Stijl, Jugendstil und Bauhaus. In der Gegenüberstellung der beiden Serien zeigt sich eindrücklich, wie ähnlich die Quellen beider Bautraditionen ist und wie stark die zur Emigration gezwungenen Bauhausarchitekten das Bild des neuen Israel mitgestalteten. Gleichzeitig zeigen die Brüssel Bilder, wie stark Einflüsse aus den Kolonien Belgiens sich in der Hauptstadt Belgiens eingeschrieben haben.

Irmel Kamp, Tel Aviv (Haus Burda Nachumski Ojikowski), 1988, Sibergelatinprint, Barythpapier, 60 x 50 cm, © Irmel Kamp, Courtesy Galerie Thomas Fischer

Irmel Kamp, Tel Aviv (House Levy), 1989, Sibergelatinprint, Barythpapier, 60 x 50 cm, © Irmel Kamp, Courtesy Galerie Thomas Fischer